Gestern Morgen in der Straßenbahn: Ich sitze auf meinem Stammplatz und lese die Zeit. Ein paar Stationen nach Fahrtbeginn setzt sich eine ältere Frau neben mich. Hätte ja auch eine Junge sein können, denk ich mir noch und dann plötzlich fängt sie an:
Sie: Ich frage Sie, haben Sie meine Seife genommen?
Ich: Ähm… *hust* Bitte?
Sie: Weil Sie in meiner Wohnung waren…
Ich: Ähm, wie kommen Sie denn darauf?
Das hat mich total verwirrt und ich versuche weiter zu lesen und die Verwirrung zu unterdrücken.
Sie: Was lesen Sie denn da?
Ich: Die Zeit.
Sie: Ja, das stimmt, jetzt sagen Sie die Wahrheit!
Ich: Natürlich, das tue ich meistens!
Sie: Haben Sie die große Welle auch schon gesehen?
Ich: Bitte was?
Sie: Ja, das steht doch da.
Der Artikel, den ich gerade gelesen habe, heißt “Die große Welle”. Ich dachte mir, ich bin mal nett und erzähle ihr, worum es geht und fange an:
Ich: Achso. Da geht es um Kapital…
Sie unterbricht mich: Kapital? Sie werden kein Kapital bekommen. Das ist alles meins.
Ich muss lachen, die anderen Leute ringsrum schauen mich mitleidig an.
Sie: Sie belästigen mich!
Ich: Bitte? *hust*
Sie: Wie damals schon!
Ich etwas genervt: Hallo, wann soll das denn gewesen sein?
Sie: 1952 in Bielefeld.
Ich muss kämpfen, das Lachen zu unterdrücken. Schließlich will ich die sichtlich verwirrte, kranke Frau nicht beleidigen, aber Ihre Anschuldigungen sind eben total lächerlich! Die Leute um mich herum können das Lachen auch kaum unterdrücken.
Nun wird auf der anderen Seite ein Platz frei und die Frau setzt sich um und meint noch zu mir: “Sie sind gemein!” und schaut mich verächtlich an. Na, das hat mich dann noch den ganzen Tag beschäftigt und tut es immer noch.